Unseren Verstand interessiert es viel weniger, die objektive Wirklichkeit zu erkennen, als an einer günstigen, bequemen, vor allem aber vertrauten Vorstellung festzuhalten. Zum Beispiel mag jemand vielleicht insgeheim schon länger den Verdacht gehabt haben, dass mit seiner Partnerschaft etwas nicht so ganz in Ordnung sei. Aber dann hat er den Gedanken immer wieder schnell beiseite geschoben und sich eingeredet, eigentlich sei doch alles wunderbar; denn sonst hätte er ja schließlich ein Problem und müsste sich selbst womöglich in Frage stellen, letztlich vielleicht sogar ändern. Da ist es natürlich weit bequemer, alle Indizien zu leugnen und sich einzureden, alles sei in Ordnung oder zumindest normal, weil es Nachbarn und Freunden ja schließlich auch nicht besser geht. Aber dann kommt der Tag, an dem er fassungslos die Wirklichkeit hinter seinen Bildern erkennt, an dem die schönen Paläste zusammenbrechen, in denen sich sein Ego so behaglich eingerichtet hat. Da muss er mit Schrecken feststellen, dass die Wirklichkeit ganz anders ist, als er sie sich immer ausgemalt hatte. Das ist im Tarot der Turm.
Dabei muss es sich nicht einmal um beglückende Vorstellungen handeln, an denen wir kleben. Wir können ebenso gut unter den Bildern leiden, die wir uns von der Wirklichkeit gemacht haben. So stellte der griechische Philosoph Epiktet schon vor 2000 Jahren fest, dass es nicht die Dinge sind, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben. Sie können zu Zwangsvorstellungen werden, mit denen wir uns das Leben vergällen. Wenn das Ego sich zum Beispiel auf die fixe Idee versteift, Aufzüge seien gefährlich, dann wird der Betreffende bei jeder Liftfahrt zittern, in der festen Annahme, der Aufzug würde zumindest stecken bleiben, wenn nicht gar abstürzen. Früher oder später wird er natürlich beginnen, alle Lifte zu meiden und seinen Befürchtungen stets mehr Wahrheitsgehalt zurechnen als jedem noch so besonnenen Argument und allen Erfahrungswerten. Der Preis solcher Zwangsvorstellungen ist, neben einer immer schlimmer werdenden Einschränkung der Bewegungsfreiheit, auch ein zunehmendes Leiden am Leben. In diesen Fällen kann das große Arkanum Nr. 16, Der Turm, auch ein Schlüsselerlebnis bedeuten, den Geistesblitz, der uns den Durchbruch zur Freiheit ermöglicht.
Weil die Mauern des Turms uns hindern, das größere Ganze zu sehen, weil sie uns wie alle Grenzen von der All-Einheit trennen, müssen sie einstürzen. Das ist die Leerung des Bewusstseins, dessen Entkonditionierung und Reinigung von der Vergangenheit.
Wenn die Paläste zusammenbrechen, in denen es sich unser Ego bequem gemacht hatte, erkennen wir plötzlich die Wirklichkeit hinter unseren Bildern.
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